Überhang von Teil 5
Was Steven nicht weiß, ist, dass die letzte Bestellung um Mitternacht des vorherigen Abends, die er tätigte und die er mit seiner Kreditkarte bezahlte, nicht nur in seinem Namen geschah, auch erscheint sie auf der Kreditkartenabrechnung – mit Lindas Namen und der Hoteladresse - was in dem Hotel so üblich ist. Die Abrechnung bekommt er jeweils automatisch zu sich nach Hause geschickt.
Steven bekommt überraschender Weise eine Kurznachricht per Boten, dass er mit der Nachmittagsmaschine nach Kalifornien kommen soll, da dort eine spezielle Anwaltstagung für Stellvertreter von Kanzleien stattfindet. Die Nachricht gefällt Steven nicht wirklich, aber er hat keine andere Wahl und muss Linda für den Nachmittag absagen. Auch weiß er nicht, wie lange er dort verweilen wird, denn sämtliche Instruktionen bekommt er vor Ort. Steven begibt sich zum Computerterminal im Hotel, als Linda nachkommt „na, was macht mein kleiner Prinz da“ fragt sie neugierig „ich muss noch das Ticket für den Flug nach L.A. buchen, um 15 Uhr geht schon die Maschine“. Diese Antwort lässt Linda etwas erschrecken, denn viel Zeit bleibt ihnen bis dahin nicht „a…aber dann haben wir ja kaum noch Zeit“ streichelt sie im dabei mit den Fingern über die Wange. Steven muss sie vertrösten und verspricht ihr, sich von dort aus zu melden, sobald er gelandet ist.
Helen hat es derweil geschafft, den Ort oder auch das Tal der Wölfe zu verlassen und befindet sich auf einer Bundesstraße. Während sie nach einem Bus Ausschau hält oder einer anderen Möglichkeit, wieder nach Hause zu kommen, erspäht sie etwas entfernt einen toten Wolf. Dieses Bild behagt Helen gar nicht, da sie befürchtet, dass in Kürze das ganze Rudel bei ihm lauert. Sie geht die Straße zunächst eine Weile entlang und muss zusehen, wo genau sie rauskommt. Die Sonne brennt von oben und Helen hat nicht mehr viel zu trinken, von daher hofft sie auf baldige Fahrgelegenheit, als ihr einfällt, dass ihr Handy wieder Empfang haben müsste. „Nur noch 2,50$, so ein Mist“ schimpft Helen, da sie weiß, dass das Guthaben sehr knapp ist, um noch ein Taxi notfalls zu rufen und diesem gleichzeitig den Standort durchzugeben. Sie kommt auf die Idee, die Polizei anzurufen, da dies kostenlos ist. Sie wählt die Nummer und kommt in die Warteschleife mit anschließender Ansage
„guten Tag – sie haben die 911 angerufen – was möchten sie tun? Drücken sie 1 für Diebstahl melden, 2 für beobachteten Mord melden, 3 für…..“
Helen bekommt die Krise und legt auf „und sowas bezahle ich von meinen Steuern?“. Sie beschließt, solange weiterzulaufen, bis ein Auto kommt oder irgendwo eines steht.
Früher Nachmittag – Steven macht sich langsam auf den Weg zum Flughafen und verabschiedet sich heimlich von Linda „ich melde mich sobald ich gelandet bin, hörst Du“ und küsst sie dabei am Hals „vergiss es aber nicht“ lächelt Linda mit geneigtem Kopf. Kurzerhand macht er sich auf den Weg und Linda wartet, bis er außerhalb der Sichtweite ist. Sie schreibt seine Nummer vom Display ihres Handys auf einen Zettel und macht einen weiteren Strich. Gleich danach ruft sie eine Freundin von sich an, kaut dabei Kaugummi und dreht mit 2 Fingern wieder an ihren Haarlocken
„Hi Susan, ich glaube Du wirst die Wette ‘wer zerstört die Meisten Ehen‘ verlieren – habe gerade eben Mann Nr. 4 abgeschossen - naja….wenn dem seine Tussi die Rechnung seiner Karte sieht, kippt die um – ich glaube, dass war Champagner für 1000$ - naja…. ich melde mich später wieder, wenn ich Mann Nummer 5 oder 6 ruiniert habe – jetzt muss ich nur noch schnell auschecken und abhauen, bevor der wieder kommt und meine wieder Nummer ändern, also, byebye“
und legt auf. Linda und ihre Freundin Susan habe eine Wette am Laufen. Sie wollen ihren Männern beweisen, dass sie biestig sein können, weil sie von denen sonst immer für naive Blondchen gehalten werden.
Helen hat eine Tankstelle erreicht, wundert sich aber, das in dieser Einöde überhaupt eine ist. Sie betritt sie und versucht den Besitzer oder einen Mitarbeiter zu finden, aber Fehlanzeige. In der Tankstelle befindet sich niemand. Sie guckt hinter jedem Regal, sogar in jede Truhe, bis sie sich selbst langsam für bekloppt erklärt. Auch hinter der Theke kann sie niemanden entdecken, für den Fall, dass jemanden dahinter hocken sollte. Sie wagt es und geht in die hinteren Räume, wo die Waren stehen und das Büro ist. Auch hier ist niemand zu finden. Helen weiß nicht mehr, was sie von all dem halten soll und geht hinter die Theke ans Telefon. Sie ruft ein Taxi, der sofort wusste, wo sie steckt, als sie das Tal der Wölfe erwähnte. In der Zeit, wo sie auf das Taxi wartet, isst und trinkt sie etwas, es ist ja reichlich vorhanden. Nach einer knappen halben Stunde fährt das Taxi die Tankstelle an und Helen steigt ein „was in Gottes Namen machen sie mutterseelenallein in dieser Gegend?“ fragt sie der Fahrer „das frage ich mich auch gerade“ antwortet sie und sagt ihm, wo sie hin will.
Steven befindet sich nunmehr auf dem Flug nach Kalifornien, als ihm wie aus dem Nichts die Kreditkarte und jene dazugehörige Rechnung einfällt. Er hofft darauf, dass Helen die Post nicht so schnell bekommt, da sie berechtigt ist, diese Rechnungen aufzumachen. Bei Steven macht sich langsam aber sicher schlechtes Gewissen breit und er fragt sich, warum er sich darauf eingelassen hat, schließlich liebt er seine Familie. Er versucht Linda zu vergessen und beschließt sie nicht mehr zu benachrichtigen und maßregelt sich selbst „das werde ich mir nie verzeihen“. Gedankenverloren sieht er aus dem Fenster des Fliegers als es plötzlich einen kräftigen Ruck und einen lauten Knall gibt. Keiner weiß, was passiert ist, alle merken nur, dass sich die Maschine im radikalen Sinkflug befindet und die Turbinengeräusche lauter werden. In letzter Sekunde können sie die Stewardessen hinsetzen und anschnallen, während der Getränke- und Snackwagen den Gang entlang prescht und gegen die WC-Tür knallt. Dabei fliegen sämtliche Sahen durch die Gegend. Das Flugzeug sinkt immer weiter aus 14.000 Metern Höhe ab und die Atemmasken fallen von oben herab. Aus dem Cockpit kommt keine Nachricht seitens der Piloten, da die Sprechanlage durch den Knall zerstört wurde. Lediglich Kontakt zum Boden gibt es, wenn auch gebrochen. Alle halten sich an ihren Sitzen fest oder umarmen sich im Sitzen gegenseitig und haben die Köpfe gesenkt. Die Passagiere werden hin und her gerüttelt.
Steven versucht blitzschnell Helen anzurufen. Er zittert und ist hochnervös und hofft, dass er sie ganz schnell erreicht. Helen nimmt ab „Hallo?“ Steven kann Helen hören „Helen, ich bin‘s, Steven – unser Flugzeug ist defekt….ich….ich kann nicht lange sprechen“. Helen versteht kaum ein Wort „Steven? Steven? Bist Du das? Ich kann Dich nur ganz schwer verstehen“ und Steven versucht es erneut, während die Maschine weiter gefährlich absinkt „Ja, Helen, ich bins, Steven – ich sitze im Flugzeug nach L.A., irgendwas stimmt hier nicht….“. Helen konnte ihn zwar etwas besser verstehen und weiß, das etwas im Flugzeug nicht stimmt, weiß aber nicht, wie sie mit der Situation umgehen soll „Steven, Steven, bist Du noch da? STEVEN!!!“ schreit Helen ins Telefon, als sie gebrochene, dumpfe Schreie und eine laute Explosion durch's Telefon hört und der Taxifahrer erschrickt. Sie nimmt den Hörer vom Ohr, guckt wie erstarrt durch die Windschutzscheibe und flüstert mit Tränen in den Augen „Steven….Du darfst uns nicht verlassen….“. Der Fahrer guckt in den Rückspiegel und fragt vorsichtig „Mrs. ist was passiert?“.
Minuten vergehen und Helen hört um sich herum nichts mehr – sie starrt vor sich hin und sieht nur noch Steven in ihren Gedanken, wie er womöglich in den Trümmern liegt. Der Taxifahrer macht das Radio an und sucht nach einem Sender, der von dem Unglück eventuell berichtet. In der Tat findet er einen und man hört einen Anwohner, der nahe der Unglücksstelle wohnt und alles beobachten konnte. „….ich hab nur noch gesehen, wie die Maschine ungewöhnlich schräg nach unten absank…. sie muss mit einer gewaltigen Wucht aufgeprallt sein, denn die ganze Erde bebte plötzlich und hinter dem Waldstück, wo das Flugzeug verschwand, stieg ein regelrechter Feuerpilz hoch – es war schrecklich….“. Der Taxifahrer weiß nicht so recht, was er sagen soll und schweigt daher, als Helen unerwartet äußert „fahren sie mich sofort zurück zur Tankstelle, bitte! Ich habe dort einen Fernseher laufen sehen“. Der Fahrer dreht ohne wenn und aber um und brettert mit dem Taxi zur Tankstelle. „Wenn Sie möchten, kann ich da bleiben, dann melde ich mich für den Rest der Schicht ab – selbstverständlich erlasse ich den Fahrpreis“ aber Helen hört wieder nichts um sich herum und ist mit dem Rücken förmlich im Sitzpolster gepresst. Aus dem Radio hört man derzeit einen Reporter „…hier zeigt sich ein grauenvolles Bild - überall liegen Trümmerteile und es brennt – ob es Überlebende gibt, ist derzeit noch unklar – in der Maschine befanden sich laut Fluggesellschaft rund 70 Passagiere – die Rettungskräfte müssten jede Sekunde eintreffen – wie genau es zu diesem Absturz kam, ist ebenfalls noch völlig offen, daher muss die Blackbox ausgewertet werden….“.
Helen befindet sich mittlerweile in der Tankstelle und sieht auf den Fernseher. Was sie sieht, kann sie kaum glauben. Brennende Wrackteile, herausgeschleuderte Menschen, von denen sich keiner bewegt. Helen sieht genauer hin, aber kann Steven auf den Bildern nicht sichten. Inständig hofft sie, dass er es geschafft hat. Ein Reporter interviewt einen Officer „Sir, können Sie uns sagen, ob es Überlebende gibt?“ aber der Officer weiß es selbst noch nicht „nein, es ist definitiv noch zu früh – die Rettungskräfte befinden sich gerade erst an den Wrackteilen und müssen vorsichtig sein, damit sie nicht versehentlich auf einen Menschen treten oder übersehen.“ Während der Officer redet, sieht man im Live-Bericht die Krankenwagen und Feuerwehren heranfahren. Einige Sanitäter decken bereits die ersten Toten ab. Helen guckt wie gebannt auf den Fernseher und hört nicht mal ihr Handy, welches klingelt. Auf dem Display steht der Name von Thomas, der sich mit Chantal gerade in Spanien befindet. „Komisch, Helen geht gar nicht ran, obwohl das Handy an ist“ rätselt Thomas und Chantal versucht zu beruhigen „vielleicht hat sie es nicht gehört. Versuch es doch später nochmal“ und Thomas legt mit den Worten auf „ja, wahrscheinlich hast Du recht“.
Nach wie vor zeigt das TV Livebilder vom Ort, wo die Sanitäter weitere Tote abdecken. Helen sitzt auf einem Stuhl vor dem TV, schüttelt den Kopf, fleht „nein, nein, nein, nein, nein, lieber Gott, bitte, nein, nein, nein……“ ihr Gesicht ist tränenüberdeckt. Ein anderes Fernsehteam kann einen Sanitäter befragen „….können Sie uns sagen, ob es irgendwelche Überlebende gibt….“ aber noch bevor er antwortet, schaut er um sich, wischt sich mit einem Tuch die Stirn „ich weiß es nicht, wir haben bislang die Hälfte tot vorgefunden, die Chancen stehen nicht gut“. Diese Worte hätte Helen nicht hören dürfen und erhebt sich vom Stuhl. Mit einem lauten Aufschrei fegt sie sämtliche Dinge von der Theke, als der Taxifahrer auf sie zukommt und sie in den Arm nimmt. Helen bricht zusammen und kann sich kaum noch auf den Beinen halten. Sie wird von ihm auf die Rücksitze seines Taxis gelegt. Im TV und der gleichzeitigen Radioübertragung wird erwähnt, dass nun mindestens dreiviertel der Passagiere tot seien und man letzte Hoffnungen auf die noch fehlenden 20 Menschen setzt. Der Taxifahrer sieht Helen ihr Handy und nunmehr 2 entgangene Anrufe „Mrs.“ flüstert er sehr zaghaft „Sie haben 2 Anrufe verpasst, ich weiß nicht, inwiefern…..“ und Helen reißt es ihm aus der Hand, da sie innig hofft, es sei Steven gewesen. Sie schaut nach und sieht den Namen ihres Bruders. Helen sitzt mit ausgetreckten Beinen hinten im Taxi, hält sich ihre zur Faust geballte Hand an die Stirn und bricht erneut in Tränen aus. „Steven, melde Dich doch…….bitte……..bitte……..bitte“ schluchzt sie dabei, lässt das Handy auf ihre Beine fallen und bedeckt mit beiden Händen ihr tränengetränktes Gesicht.
Thomas wundert sich nun zunehmend und macht sich Sorgen „irgendwas stimmt da nicht, Helen geht immer an ihr Handy oder ruft zurück“. Chantal äußert „wollen wir zurück nach Hause, also, nach Amerika, falls was passiert ist?“ aber Thomas ist ratlos „ich weiß nicht, einerseits mache ich mir Sorgen, andererseits hätte sie längst angerufen, wenn etwas schlimmes geschehen sein sollte“.
Helen fasst den schweren Entschluss und ruft Thomas zurück, um ihn zu sagen, was geschehen ist.
4 Monate später –
Die 3 fehlenden Passagiere der abgestürzten Maschine, darunter Steven, wurden nie gefunden. Bis heute kam von ihm kein Lebenszeichen. Helen und der gesamten Familie, Tante Mag, Chantal sowie Steven's Schwester Dina, fiel es in den ersten 2 Monaten sehr, sehr schwer, mit dem Verlust fertig zu werden. Mit dem Gedanken, Steven für tot zu erklären, ähnlich wie damals bei Thomas und gleichzeitig nicht hundert prozentig zu wissen, dass er tot ist, kämpft Helen heute noch.
Die Kreditkartenabrechnung hat Helen nie wirklich realisiert, selbst den Betrag von
1000 Dollar für den Champagner und den Namen von Linda auf der Rechnung hat sie zum damaligen Zeitpunkt bereits mit Resignation vernommen.
Es ist Winter und Helen geht selbst nach 4 Monaten noch immer mit einem schwarzen Schleier vor dem Gesicht aus dem Haus. Auch heute, an einem schneereichen Tag, wo sie lediglich zum Bäcker gegenüber gehen will, trägt sie ihn. Zusätzlich, um sich und ihre trauernden Gefühle zu schützen, trägt sie ein schwarzes Kopftuch und eine Sonnenbrille. Sie ist seit dem Verlust nicht mehr die Selbe. Statt sich bei Missgeschicken oder Streitereien wie früher mal eben aufzuregen, schweigt sie entweder oder flüstert leise und zaghaft, aber bestimmend „es gibt schlimmeres!“. Außer sie wird empfindlich gereizt, dann greift sie auch mal die an, die ihr nahe stehen.
Helen ist auf dem Weg zum Bäcker um die Ecke, als Tante Mag erneut versucht, sie zur Vernunft zu bringen „Helen, Liebling! Lass den Schleier weg und versuche langsam loszulassen. Die Sonnenbrille und das Kopftuch kannst Du ja weiter tragen, wenn es Dir hilft. Ich weiß, dass es schwer für Dich ist, dass ist es für uns alle, aber…..“ Tante Mag wird von Helen eiskalt abgewürgt „erzähl mir nicht was mir hilft und was nicht“ knallt die Haustür hinter sich zu und macht sich auf zum Bäcker. Nach dieser für Mag mittlerweile bekannten Art seitens Helen, auf solche Aussagen zu reagieren, schließt Mag die Augen und schüttelt den Kopf. Thomas und Chantal kommen aus dem Schlafzimmer von oben runter und sehen Mag im Sessel sitzen und fragt „Mag, was ist los, hm?“. Sie antwortet mit tiefer Stimme „Helen muss endlich loslassen, es macht sie nur noch mehr fertig“. Thomas setzt sich mit Chantal auf das Sofa neben Mag „Mag, lass Helen doch die Zeit, die sie braucht. Immerhin waren sie 15 Jahre verheiratet, da…..“ aber Mag belehrt sie eines besseren „Schätzchen, es wäre gar nicht so tragisch, wenn sie hier im Haus vor Gästen, also, völlig fremden nicht auch noch den Schleier und die Sonnenbrille tragen würde“ und sieht auf den Boden. „Ich wünschte, wir könnten irgendwas für sie tun, wir haben ja die Hochzeit auf unbestimmte Zeit verlegt und immer, wenn ich versuche, Helen zu fragen, wie sie das denkt, geht sie wortlos weg und gibt sich unnahbar“ äußert Thomas und nimmt Chantal ihre Hand, die daraufhin antwortet „das mit der Hochzeit ist natürlich sehr schade, aber jetzt absolut fehl am Platz, da sollten wir erstmal nicht weiter fragen oder sogar warten, bis sie selbst auf uns zukommt“.
Während sich die drei untereinander besprechen, kommen Jimmy und Jack zur Tür rein. Die Beiden sind seit 2,5 Monaten zusammen – Jack ist mit seinen bald 15 Jahren mit Jimmy überglücklich. Er hat Jimmy in seiner bislang schwersten Zeit geholfen, damit er über den Verlust seines Vaters besser hinwegkommt. Die Tatsache, dass er in den letzten Monaten kaum mehr mit seiner Mutter geredet hat, sowie auch die Anderen nicht, lässt Jimmy innerlich vor Schmerz schreien. Nur durch Zufall hat Helen herausgefunden, dass Jimmy was mit einem Jungen hat. Sie kam damals an einen der darauffolgenden Tage auf ihn zu und gab ihm, nachdem er fragte, ob es ok sei, die Antwort „mach Dir keine Sorgen“. Dieser Tag ereignete sich 3 Wochen nachdem Steven beerdigt wurde. Jimmy geht bis heute davon aus, dass seine Mutter auch hier damals resignierte. Allerdings macht es ihm immer wieder Angst, wie sie sich ihnen gegenüber gibt. Sie hat weder Jack bislang genauer kennenlernen wollen, noch mit ihm groß gesprochen, von dem ein oder anderen Satz in den letzten Wochen abgesehen. Immer wenn Helen im Haus ist und die Beiden in der Nähe und sie sich alle begegnen oder in einem Raum verweilen, ist es so, als würde diese Situation schon Jahre bestehen.
Helen ist noch immer auf dem Weg zum Bäcker, zu dem sie im Grunde nur 10 Minuten braucht. Heute sind es allerdings 20 Minuten, die sie langsam durch den Schnee stampft. Sie geht über eine Kreuzung und hört ein heranbrausendes, hupendes und plötzlich bremsendes Fahrzeug nicht. Weder bleibt sie kurz stehen, noch guckt sie zum Fahrzeug. Die wütenden Rufe des erschrockenen Fahrers „können Sie denn nicht aufpassen, Mensch“ prallen an ihr erst recht ab. Helen geht wie in Trance zielgerichtet zum Bäcker. Lediglich an der nächsten Kreuzung macht sie halt und sieht einige Meter entfernt einen Unfall, bei dem scheinbar eine ältere Dame verletzt wurde. Helen macht etwas, was sie in den letzten Monaten außerhalb des Hauses nicht eine Sekunde lang gewagt hat – sie nimmt den Schleier hoch. Mit Blick auf die Unfallstelle und die alte Dame kommt ihr plötzlich Mag in den Sinn. Hier wird ihr bewusst, dass sowas jedem, also auch Mag passieren könnte. Sie entschließt sich dem Rat von Mag zu folgen und nimmt den Schleier ab. Die Sonnenbrille und das Kopftuch lässt sie.
Weiter gegangen kommt Helen an einem Geschäft vorbei aus dem Musik zu hören ist. Hier bleibt sie wieder stehen und hört dem Song zu. Sie setzt sich auf eine hinter ihr stehende Bank, als unter ihrer Sonnenbrille Tränen rollen. Es ist das Hochzeitslied von Ihr und Steven.
Von diesem Moment an bis zum Ende des Liedes hat sie die Szenen vor Augen, wie sie bei jedem Hochzeitstag mit ihm dazu tanzte. In genau 2 Monaten wäre es wieder soweit gewesen, dann hätten sie den 15. Hochzeitstag gefeiert. Weiter im Gedanken an ihre damalige Hochzeit vertieft, hat sie vor Augen, wie sie mit ihrem verstorbenen Vater George im Kreis tanzt und sieht auch ihre vor kurzem verstorbene Mutter Dorothe, wie sie Blüten wirft. Helen merkt, wie durch ihre Nerven ein Zittern wandert. Dies ist der Moment, wo sie das Gefühl hat, kurz vor dem totalen Zusammenbruch zu stehen.
Jimmy und Jack haben sich zu den Anderen ins Wohnzimmer gesetzt und alle schweigen vor sich hin. Thomas fällt auf, dass Helen nun schon seit geraumer Zeit unterwegs ist und hofft, dass ihr nichts passiert ist „vielleicht hätten wir mit ihr gehen sollen, nicht, dass ihr in diesem Zustand was zustößt“. „Wo ist Mum hin?“ fragt Jimmy und Mag antwortet „sie wollte zum Bäcker, zumindest hat sie das gesagt“. Jack hat sich mit seinem Kopf auf Jimmy seinen Schoß gelegt, mit dem Blick nach oben, sodass er Jimmy immer sieht. Mag beobachtet, wie Jimmy immer versucht sich nach unten zu beugen, um Jack einen Kuss zu geben, traut sich aber vor den Anderen nicht, obwohl sich beide im Beisein aller bereits mal geküsst haben. Als Jimmy einen erneuten, zaghaften Anlauf versucht und dabei schnell guckt, ob Thomas, Chantal oder Mag hinsehen, sieht er, wie Mag ihn anguckt und eine Kopfbewegung macht, die soviel heißt wie „na los, wie lange soll Jack denn noch warten“. Er beugt sich und küsst Jack, während Mag zufrieden lächelt und wieder auf den Boden sieht. Chantal beobachtet dies ebenfalls „ach Mensch, ihr seid so süß dabei“. Obwohl der Kommentar positiv ist, schreckt er kurz wieder davon zurück. „Jimmy, was ist los? Du brauchst Dich nicht schämen, dass weißt Du doch“ versucht Thomas ihn zu beruhigen, als Jack sich aufrichtet, neben Jimmy hinsetzt und seinen Kopf streichelt. „Nix, nix ist los… “ verzieht Jimmy sein Gesicht und drückt es gleichzeitig mit den Worten „…mit fehlt Dad….und …und Mum“ an Jack seine Brust. Jack versucht ihn zu trösten, als Jimmy anfängt zu weinen. Chantal streichelt Jimmy mit der Hand über die Schulter „Du willst, dass Deine Mutter wieder wie früher mit Dir redet, stimmts?“ und er nickt als Antwort mit dem Kopf, sagt schluckend „Ja“ und äußert zusätzlich eine Aussage, die bei jedem einen kalten Schauer verursacht und wieder Trauer hervorruft „…und Dad soll wieder zurückkommen…“.
Bei allen stellt sich wieder Schweigen ein. Jeder trauert vor sich hin und Chantal lehnt sich an Thomas, während er seine Hand auf Mag seine legt, die daraufhin seine umschließt, ihn anblickt, leicht lächelnd einen Kuss auf seinen Handrücken gibt, diese streichelt und mit beiden Augen zwinkernd leicht nickt. Diese Emotionen lassen auch Thomas Tränen wieder laufen.
Helen ist mittlerweile von der Bank weg und überquert eine Brücke. Den Bäcker hat sie ignorierend hinter sich gelassen. Es ist ein kalter und grauer Wintertag. Sie guckt beim langsamen Gehen über die Brücke nach rechts, runter auf den zugefrorenen See und sieht, wie Mütter und Väter mit ihren Kindern Schlittschuh laufen. An einem Punkt bleibt Helen stehen und guckt runter. Der Anblick lachender Kinder und Eltern ist für sie kaum zu ertragen. Sie projiziert sich und Steven auf die Eisfläche, wie sie belustigt darauf rumtanzen. Gleichzeitig fallen Schneeflocken herab und Helen sieht nach oben. Erstmals nimmt sie die Sonnenbrille draußen ab und ihre durch die Tränen verschwommene, schwarze Wimperntusche kommt zum Vorschein – das ist der Moment, wo sie keinen Sinn mehr sieht. Mit dem Blick wieder nach unten auf den gefrorenen See, die Brille wieder aufgesetzt, kommt ihr ein Gedanke.
Sie greift mit einer Hand in die Tasche ihres Mantels und holt den Brief von Brad heraus. Er schrieb diesen vor 12 Tagen und schickte ihn per Eilboten aus Afrika. Stück für Stück liest sich Helen durch die Zeilen und lässt erneut auf sich seine Reaktion auf die familiären Begebenheiten wirken. An seiner Handschrift erkennt Helen deutlich, dass er seinen Vater stark vermisst und sich eintausend Mal entschuldigt, dass er nicht zur Beerdigung kommen konnte und als Trost einen riesigen Kranz schickte. Die Zeilen, wo er beschreibt, wie er eine Frau kennenlernte, die 6 Jahre älter ist als er und sie mit seinen knapp 20 Jahren keine Probleme hat. Sie habe ihm in der Zeit, wo er trauerte, sehr geholfen. Sie wohnt in Südafrika und beide kennen sich nunmehr 6 Monate. Weiter schreibt er, dass sie seit 2 Monaten in einer Beziehung sind und Brad bereits darüber nachgedacht hat, nicht nur zu verlängern, sondern auch in den Status des Berufssoldaten zu wechseln – mit Stationierung in Afrika. Diese Zeile bricht Helen beim Lesen immer wieder das Herz, da sie Brad nicht auch noch „verlieren“ will. Immer wieder, so schildert er, denkt er daran zurück, wie sie alle die Zeit durchgestanden haben, als Thomas wieder auftauchte.
Zum Schluss schreibt er im Brief einige Sätze an Jimmy, bei dem er seine Mutter bittet, ihm diese Zeilen zum Lesen zu zeigen:
Mum hat mir geschrieben, was bei Dir so Sache ist. Zugegeben, erst war ich etwas geschockt, dann verunsichert und letztlich erleichtert. Du, zusammen mit einem Jungen, hätte ich nie gedacht. Ich habe mir immer vorgestellt, wie wir beide aus Spaß z.B. mit einem Mädchen um die Wette knutschen oder so. Auch hat mir Mum geschrieben, wie Du ihr gesagt hast, dass Du in einen Jungen verliebt bist und dass Du tierische Angst vor der Reaktion hattest, ja….und wohl auch vor meiner. Immerhin weiß ich noch sowie auch Du, wie ich damals beim Flaschendrehen mal sagte, dass ich keinen schwulen Bruder will. Das ist nun einige Jahre her und auch ich werde reifer, zumindest sollte es so sein.
Jimmy, Du und wirst immer mein Bruder bleiben, egal ob schwul oder nicht – eher im Gegenteil, so kannst Du mir wenigstens bei den Mädchen nicht in die Quere kommen
Aber vergiss nicht: ich werde sauer, wenn Du mich nicht in ein paar Jahren zu Eurer Hochzeit einlädst und ich nicht Dein Trauzeuge bin!
Also, mach’s gut und pass auf Dich auf – hab Dich lieb!
Am Ende des Briefes liest Helen wieder die Stelle von Brad, die ihr Kraft gibt, Kraft zum Weitermachen:
auch wenn der Verlust von Dad, Deinem Mann, schwer für uns alle ist, so bewahre immer den Gedanken an jene, die Dich kennen und lieben. Dad hätte nicht gewollt, dass Du Dich aufgibst und/oder wir unendlich trauern. Die Verarbeitung von Verlust ist ein mühseliger und schmerzhafter Prozess, aber gerade in solchen Situationen haben wir Menschen, die wir lieben und die uns helfen wollen, auch wenn wir darauf nicht immer nett reagieren – verständlich.
Ich bin immer bei Dir, wenn momentan auch nur gedanklich. Es tut mir weh, nicht bei Euch sein zu können, Euch nicht zu sehen, zu hören.
Ich vermiss Dich, Mum!
Hab Dich lieb – Dein Sohn Brad
Helen hat Mühe, ihre Tränen zu verbergen. Sie macht sich langsam wieder auf den Weg nach Hause, wo die Anderen zunehmend nervös werden. „Wo bleibt Helen nur solange?“ fragt Thomas sich sorgenvoll und wird von Chantal beruhigt „ich denke, Sie will ein wenig für sich sein, für sich alleine. Vielleicht versucht sie die Trauer langsam zu verarbeiten“. Thomas atmet tief durch „ja, wahrscheinlich hast Du recht“ steht auf und geht Richtung Küche. Chantal folgt ihm und Mag will sich im Bad ein wenig frisch machen, als die Haustür aufgeht und Helen in der Tür steht. Sie hat weder die Sonnenbrille, noch das Kopftuch um. „Mum, Mum!“ springt Jimmy schreiend auf, rennt zu ihr und springt auf seine Mutter und weint. Alle, auch Tante Mag und Jack sehen, wie Helen Jimmy mit leisen Worten „alles ok, mein Schatz“ tränengetränkt umarmt und ihm auf den Kopf küsst „alles ok!“.
Weitere 4,5 Monate später –
Der Alltag ist wieder eingekehrt und nahezu alle befinden sich in den Vorbereitungen zur Hochzeit von Thomas und Chantal.
„Das wird doch nie im Leben was, darin sehe ich ja aus wie geschnürrte Rollwurst“ schimpft Chantal, als sie sich vor Helen im Geschäft in einem Brautkleid dreht. „Ach, wieso denn? Dass muss nur hier und hier etwas verändert werden und dann passt das“ erwidert Helen. Beide suchen weiter nach einem etwas geeigneterem Kleid und gehen im Laden weiter nach hinten. „Ich will auf keinen Fall irgendein Teil mit langer Schleppe, ich habe damals gesehen, wie das bei Prinzessin Diana aussah – furchtbar“ raunt Chantal weiter und Helen entdeckt eines in der Ecke. „Sieh mal, hier – das müsste klappen – ist auch nicht zu weit oder kurz, schmeiß Dich mal rein“. Kurzerhand schnappt Chantal sich das Kleid und verschwindet in der Umkleide. Helen sieht sich etwas um und entdeckt plötzlich ein Kleid, welches dem ähnlich kommt, was sie bei ihrer Hochzeit mit Steven an hatte. Statt in Tränen auszubrechen lächelt sie leicht und streift mit der Hand über den Stoff, als Chantal wieder rauskommt. „Und? Wie siehts aus?“ fragt Helen „naja, es geht“ antwortet Chantal und fummelt mit den Händen hinter sich am Rücken. „So von der Optik her wäre es perfekt, aber irgendwie hab ich das Gefühl, dass da noch was fehlt“. Helen guckt das Kleid genauer an „was soll da denn noch fehlen?“ und Chantal sieht das Preisschild „hier, dass fehlte, zu wissen was es kostet“. Helen sieht drauf und kippt fast um „WAS? 12.000 Dollar? Haben die eine Schramme?“ brüskiert sie sich und rät Chantal umgehend, das Kleid wieder auszuziehen, bevor noch was kaputt geht.
„Was in aller Welt kostet daran jetzt 12.000 Dollar?“ rätselt Chantal, als eine Verkäuferin geeilt kommt – sie hat den Ausfluch gehört. „Meine Damen, sie haben oder hatten ein Hochzeitskleid von Versace an. Alles im Material, im Stoff ist echte Handarbeit und nur vom Feinsten. Die diamantenen Stickungen sind kein Imitat, sondern echt“. Chantal und Helen bekommen immer größere Augen „die haben wir ja gar nicht gesehen, die Stickungen“ aber Helen wird nicht ganz schlau daraus „wieso Stickungen, sagt man das nicht eher zu gesticktem?“. Die Dame antwortet leicht verzückt „nun ja, das ist schon richtig, aber hier nennt man dies Stickung, da die Diamanten als gesticktes Muster angebracht sind“. Chantal lässt das Kleid von der Verkäuferin wieder abtragen und seufzt dabei „ich glaube, ich finde nie eines“. Die Verkäuferin allerdings belehrt sie eines Besseren „kommen Sie doch mal mit, ich denke, unsere Gabbana-Collection wird das Richtige sein". Beiden, Helen und Chantal, wird bei dem Namen Gabbana genauso komisch, wie bei Versace, sind es doch beides Luxusartikel. „Wieso soll das von Gabbana günstiger sein, wenn es doch beides teure Marken sind?“ fordert Helen Aufklärung. „Gabbana hat derzeit eine Aktion, in der sämtliche Modeartikel im Preis gesenkt sind – nicht weil das Material weniger gut ist, nein, das ist rein saisonbedingt“ gibt die Dame zu verstehen und geleitet beide in die Requisite.
Thomas kämpft derweil mit einer Krawatte und lässt sich von Tante Mag zum wiederholten Male das Binden beibringen. Mit im Zimmer befinden sich Jimmy und Jack, die miteinander rumalbern und turteln und sich scherzig amüsieren. „Wenn Du nicht gleich aufhörst zu lachen, bindest Du seine Krawatte“ gibt Mag Jimmy belustigt zu verstehen. Im Handumdrehen sind beide verstummt und widmen sich wieder gegenseitig. „Ich wünschte, Steven könnte das miterleben oder George oder Dorothe“ gibt Thomas leicht traurig von sich „ja, das wäre schön – die ganze Familie vereint“ antwortet Mag und hat den Knoten der Krawatte fertig. „Warum ziehst Du eigentlich keine Fliege dazu an? Das macht doch viel mehr her – die Krawatte lässt Dich zu alt aussehen“. Thomas guckt sich im Spiegel an, witzelt „man, sehe ich geil aus“ und muss sich dabei halb wegschmeißen. Mag aber fängt ihn auf „Du siehst sehr gut aus und mit sehr gut meine ich sehr gut“.
Mag guckt Jimmy an „Jimmy, was macht eigentlich Dein Anzug? Hast Du ihn schon probiert?“. Er rennt in sein Zimmer, holt ihn und zeigt ihn. „Hier, Mag, den trage ich“ Mag nimmt den Anzug in die Hand, hält ihn an Jimmy’s Körper und bittet ihn, sich den Anzug anzuziehen. Mit dem Anzug zurück in seinem Zimmer und Jack hinterher, schlüpft er vor Jack seinen Augen rein. Auf einem Spiegelschrank hinter Jimmy steht ein Radiowecker, aus dem Pop Rock-Balladen zu hören sind. Jimmy stellt sich vor den Spiegel, als Jack aufsteht und sich hinter Jimmy stellt. „Du siehst total süß damit aus“ flüstert er zu Jimmy und legt seine Hand vorsichtig auf seine Schulter, der sich daraufhin umdreht.
Beide stehen voreinander, das Radio spielt eine leicht schwungvolle Popballade mit dem Titel „Wish you were here“ von der Gruppe Rednex. Jener Song war damals in den USA mehrwöchig auf 1. Es geht langsam auf den Refrain zu und Jack legt seine Arme um Jimmy’s Hals und umgekehrt. Mit Beginn des Refrain fangen sie an langsam im Kreis zu tanzen. Als das Lied einen Höhepunkt erreicht nähern sich beide und verfallen küssend ineinander. Mag wundert sich, warum Jimmy nicht längst wieder angezogen bei ihr ist und sieht vorsichtig ins Zimmer. „Na, das hätte ich mir natürlich denken können“ als sie beide tanzend und sich vertieft küssend sieht. Leise und zufrieden lächelnd schließt Mag die Tür.
Nachmittag - Chantal und Helen haben dank der Verkäuferin ein wundervolles und wertvolles Kleid gefunden. Es hat, ganz nach Chantal‘s Geschmack, auch einen leicht französischen Touch. „Am Liebsten würde ich es gleich anbehalten, aber das geht ja nicht“ zieht Chantal das Kleid wieder aus und lässt es von der Dame in Plastikschutz hüllen. „Bald ist es doch soweit“ tröstet Helen „ja, ganze 6 Tage noch, wie soll ich die überstehen, bei so einem Mann – ich will jetzt, jetzt sofort“. Helen kann die Aufregung und Ungeduld verstehen, versucht Chantal aber dennoch zu besänftigen „hörst Du jetzt auf?“ lacht sie Chantal leicht an „ist ja schon gut – komm, lass uns mit Eis vollstopfen – dann können wir uns wegen meinem Übergewicht gleich wieder auf die Suche nach einem Kleid mit Übergröße machen“ lachen sich beide an, haken ihre Arme jeweils ineinander und gehen in ein Cafe.
In einem Krankenhaus in Beverly Hills geht Dr. Steen mit einigen Kollegen und angehenden Ärzten durch die Zimmer auf Visite. In einem liegen 3 Menschen und werden in Kürze entlassen. In einem weiteren Zimmer liegt ein älterer Herr, dem ein neues Organ eingepflanzt wurde. „Hier handelt es sich um eine neue Niere, welches der Patient bekommen hat, allerdings muss noch abgewartet werden, wie der Körper es annimmt und wie es scheint, geht es uns heute gut? fragt er den älteren Patienten „mir geht’s gut, noch“ scherzt dieser und der Arzt lächelt leicht „na, zum Glück kann man Humor nicht verpflanzen, so dass Sie Ihren noch haben“. Der Patient legt noch einen drauf „ach, wenn Sie schwarzen hätten, hätte ich nix dagegen“ und bringt mir dieser Antwort die Belegschaft zum lachenden Aufschrei. Sie gehen weiter und kommen in ein Zimmer, wo der Arzt zur absoluten Stillen mahnt „hier liegt ein Komapatient, die Person ist ein Opfer eines Flugzeugabsturzes vor fast 9 Monaten – ob es Angehörige gibt, kann man nicht sagen, da sämtliche Papiere unkenntlich verbrannt sind - bei der Einlieferung, die fast 65 Stunden nach dem Absturz erfolgte, lag der Patient bereits im Koma. Insgesamt waren es 3 als vermisst gemeldete. Einen weiteren hatten wir noch bei uns, der wurde 10 Stunden früher eingeliefert und 1 Monat später wieder entlassen – so gilt, wenn man so will, nur noch einer als vermisst, allerdings besteht hier keine Hoffnung mehr“.
Im gleichen Moment der Visite wird eine Leiche aus dem Beverly Hills River gezogen – rund 100 km vom Krankenhaus entfernt. Hobbyruderer haben den Leichnam am Ufer unter Baumgestrüpp entdeckt, welches tief ins Wasser ragt und daraufhin die Polizei alarmiert. Die Notärzte können allerdings keine Identifizierung mehr vornehmen, da der Körper bereits unkenntlich ist. Mit speziellen Schutzanzügen und Handschuhen verfrachten sie den toten Körper in einen Sarg. Ein Gerichtsmediziner konnte aus der zerfetzten Anzugjacke eine Brieftasche entnehmen, in der aber, außer einem aufgeweichten Zettel, nix weiter war. Trotz guten Lichtes kann der Gerichtsmediziner nur noch blass lesen, was auf ihm steht „das ist irgendein Name, aber welcher genau, kann ich nur schwer erkennen“ rätselt er und nimmt ein blaues Pulver, was die Schrift erkennbarer werden lässt. „Ich glaube jetzt klappt es – ja, es ist zwar nur ein Wort, aber immerhin – wenn es der Name desjenigen ist oder war, dann müsste der Mann irgendwas mit ‚Starr‘ geheißen haben“. Zur Kontrolle sieht eine Kollegin drüber und bestätigt „ja, kein Zweifel, der Mann hieß Starr, aber sonst gibt es keinerlei weitere Informationen zu Wohnort usw…“. Ihr Kollege gibt keine Pressemitteilung raus, da der Fall nach all den Monaten abgeschlossen wurde – zudem sollen auf diese Weise etwaige Angehörige geschont werden.
Steven starb bereits 6 Stunden nach dem Absturz an Bewusstlosigkeit und Ertrinken. Nach der Explosion wurde er als Einziger mehrere Meter weit geschleudert und landete auf einem Feld. Bereits schwer verletzt, versuchte er sich nach gewisser Zeit in Sicherheit zu bringen und Hilfe zu suchen. Als es allerdings zunehmend dunkler und er durch die Schmerzen bewusstlos wurde, merkte er nicht mehr, wie er nach wenigen Minuten einen Abhang hinunter ins Wasser rollte und darin liegen blieb.
- starb 47jährig -
er hinterlässt eine Frau und 2 Kinder
Helen und Chantal sitzen noch immer im Cafe und unterhalten sich belustigt. Das Cafe ist umgeben von einer Einkaufsmeile in New York, es ist Sommer und 26° warm. Alles verbringt an diesem Spätnachmittag einen friedlichen Sommertag. Der Kellner bringt den Gästen ihre Bestellung und Helen guckt in eine Ecke, wo ein attraktiver Mann um Mitte 40 sitzt. Er scheint ledig, da er keinen Ring trägt. „Na, schaust Du etwa dorthin, wo ich auch hinsehe?“ fragt Chantal neugierig „bist Du wohl still“ versucht sich Helen unauffällig zu geben, aber der Mann hat die Blicke von Helen bereits registriert, gibt sich aber zunächst desinteressiert. „Lass ihm doch Deine Nummer durch den Kellner zukommen“ ratschlagt Chantal, aber Helen wiegelt ab „warum schlägst Du nicht gleich vor, dass ich mich auf seinen Schoß setze“ worauf Chantal erwidert „die Idee hätte auch von mir sein können“. Beide gucken sich an und müssen sich das Lachen verkneifen. Ein Kellner kommt auf ihren Tisch zu und stellt einen Cocktail mit einer Rose drangesteckt zu Helen „hier, Bitte, Mrs.“ was Helen irritiert „aber, ich habe doch gar nichts….“ und bevor sie dazu kommt, den Satz zu vollenden, zeigt der Kellner auf die Ecke, wo der Mann sitzt „er kommt von dem Herren dort und ich soll ausrichten, dass er es nicht ertragen könnte, sollten sie ablehnen“. Helen bedankt sich und nimmt an. Sie nimmt den Cocktail, nippt und sieht gleichzeitig in die Richtung des Mannes, welcher soeben im Begriff ist aufzustehen. „Oh Gott, der kommt doch wohl jetzt nicht hierher?“ bekommt Helen ein wenig das Zittern „warum denn nicht? Das wäre die Chance, Nägel mit Köpfen zu machen“ spricht Chantal ihr mutig zu.
„Du hast leicht reden – was, wenn ich stottere und….der kommt immer näher, Hilfe….“ spricht Helen mit leicht gebrochener Stimme und versucht sich hinter Chantal zu verstecken. Der Mann kommt direkt auf Helen zu und trägt dabei eine dünne Sommerjacke um den Arm. „Aber, aber, Sie brauchen sich doch vor mir nicht zu verstecken – Hallo und Guten Tag, ich bin Robin, ich hoffe, sind verzeihen mir den Überfall“. Helen kommt langsam hervor „n nein, schon ok“ lächelt dabei und gibt ihm die Hand, auf dessen Rücken er einen Handkuss hinterlässt „hi, ich bin Helen und das ist Chantal, die Fastfrau meines Bruders“ stellt Helen vor und lacht dabei leicht. Robin gibt ihr ebenfalls einen Kuss auf den Handrücken und erwähnt, dass er nicht viel Zeit hat und los muss „ich wollte ihnen nur meinen Dank aussprechen, dass sie meine kleine Geste nicht abgelehnt haben“ und zückt dabei ein Minikärtchen aus seiner Brieftasche und schreibt etwas rauf. „Ach, nicht der Rede wert, wenn, dann habe ich zu danken“. Der Mann verabschiedet sich auch schon bei beiden und drückt Helen beim Abschiedshandkuss die Minikarte in die Innenseite „würde mich freuen, von Ihnen zu hören – vielleicht relativ bald“. Kaum dass Helen noch ein Schlusswort sagen kann verschwindet Robin aus dem Cafe und steigt auf der anderen Straßenseite in eine Limousine. „Das….das darf doch nicht wahr sein, der ist jetzt nicht in diese Limousine eingestiegen, oder doch?“ traut Helen ihren Augen nicht „ähm, doch, irgendwie schon“ stutzt auch Chantal und Helen sieht auf die Karte mit dem geschriebenen Satz
„Was steht drauf, los, nun sag“ rüttelt Chantal an Helen „….das er mich bald wiedersehen möchte oder besser gesagt, hören“ und grinst vor sich hin. Chantal merkt, dass Helen zwar im 7. Hummel schwebt, sich aber sehr unsicher ist und seufzt auf „ich merke schon, mit Dir ist jetzt wieder nichts zu machen – komm, ich zahle für uns“. Sie ruft den Kellner herbei, während Helen fast heller strahlt als die Sonne „heyyy, Du bist ja auf einmal so überentspannt im Gesicht – na warte, wenn Du den nicht anrufst, schimpfe ich mit Dir, aber gewaltig“ lacht sie Helen an, stupst sie dabei an die Schulter und schafft es damit, Helen wieder auf den Boden der Tatsachen zu holen. „Wwwwas, was ist los?“ guckt sie Chantal an, grinst und sagt „Dir kann man aber auch nichts vormachen, wie?“. Ohne weiteres Wort haken sich beide wieder ineinander ein, verlassen das Cafe, gehen um die Ecke auf die größere Fußgängerzone und gucken sich ein Schaufenster an. Helen sieht noch immer auf die Karte mit dem Satz „nun komm weiter, gibt noch mehr zu sehen“ zieht sie Helen mit sich, als plötzlich, 50 Meter in der Ferne, eine laute, gewaltige Explosion aus einem Geschäft in der Zone zu hören und sehen ist und es gewaltig bebt. Helen, Chantal, alle sehen um sich, dann nach vorne und begreifen nicht, was geschehen ist. „Was, was zum Teufel war das?“ zittern bei Helen die Beine „ich, ich weiß es nicht“ flüstert Chantal ängstlich und sie sehen, wie alle in die Richtung rennen. Überall auf Höhe der Explosion liegen Glassplitter und zum Glück nur wenige Verletzte. Bei den umliegenden Geschäften sind die Fensterscheiben ebenfalls mit zerborsten. Einer schreit, dass es nach ausströmenden Gas riecht. Als Beide langsam mit in die Richtung des explodierten Ladens gehen, aber vor dem Gasgeruch zurückschrecken, knallt es unerwartet zwei Geschäfte weiter erneut heftig. Alle rennen schreiend so schnell wie möglich und versuchen sich in Sicherheit zu bringen. Aus den Geschäften flogen Gegenstände, gleichzeitig haben sich durch die Explosionen Rauchwolken entwickelt, weshalb nicht erkennbar ist, inwiefern Menschen stärker betroffen sein könnten. „Schnell. Chantal, schnell…wir müssen die Feuerwehr holen, bevor noch ein Geschäft in die Luft fliegt“ ruft Helen und wühlt hektisch in ihrer Tasche „verdammt nochmal, wo bist Du verdammtes Telefon“ und sieht gleichzeitig nach vorne, wo Menschen gestützt von anderen aus dem Rauch hervorkommen und grau bedeckt sind. Helen hört überall Schreie und in der Ferne Feuerwehren. Sie hat das Handy gefunden und will noch Verstärkung rufen, aber der Akku ist leer „scheiße, scheiße…verdammte scheiße“ wischt sie sich die Stirn und sieht Chantal, die mit einer Hand vor dem Mund und mit Tränen im Gesicht dasteht. Überall sehen sie verletzte Menschen, den Rauch, hören die angesprungenen Alarmanlagen der Geschäfte und die ersten Feuerwehren und Notarztwagendie mit ihren Sirenen immer näher rücken und im Einkaufszentrum eintreffen. Beide blicken hilflos und wissen nichts zu sagen.
3 Tage später –
Der Tag der Hochzeit ist gekommen. Helen und Chantal haben die Ereignisse in New York recht gut verarbeitet, sind sie letztlich auch ohne Verletzungen davongekommen. Die Hochzeit findet in einem großen Garten statt, geladen sind Verwandte und ausgewählte Freunde. Die Trauung führt ein Priester durch, so der Wunsch von Chantal und Thomas.
Es ist später Vormittag und Chantal wird mit Hilde von Mag und Helen in das Kleid verfrachtet. Auch Dina, Steven’s Schwester, ist bei der Hochzeit und steht Thomas beim Anzug zur Seite „schon ein komisches Gefühl, dass Steven nicht mehr da ist und das nicht mehr erlebt“ redet sie leise und zupft an Thomas seiner Fliege rum. „nun ist es schon 9 Monate her“ fährt Dina fort „ja, wahnsinn, ich kann es auch kaum glauben, ihn nie wieder zu sehen, aber letztlich ist es für Helen und die Kinder am Schlimmsten“. Dina rückt den Anzug von Thomas hier und da noch etwas zurecht „so, fertig – wenn der Herr sich dann einmal umdrehen würde“ scherzt sie „aber gerne doch, die Dame“ scherzt er zurück.
Derweil helfen Jimmy und Jack im Garten. Beide tragen ebenfalls einen Anzug, allerdings mit Krawatte. Sie rücken einige Tische und Stühle, stellen Teller und Gläser zurecht, als Jack auf den Traubogen guckt „hier will ich mit Dir mal stehen, Maus“ und umarmt Jimmy von hinten. „Du, Du willst mich mal heiraten?“ fährt Jimmy etwas erschrocken in sich zusammen „warum nicht?“ fragt Jack „ich fände das toll“. Nicht das Jimmy was dagegen hätte, er kann es sich zum aktuellen Zeitpunkt einfach nicht vorstellen jemals einen Mann zu heiraten „doch, ja, das wäre toll“ beruhigt er Jack schnell, der die Lunte aber schon gerochen hat „Du willst nicht, stimmt’s?“ guckt er Jimmy mit leicht traurigem Blick an. Jimmy sucht nach einer Antwort die für beide glaubhaft ist „momentan kann ich mir generell nicht vorstellen, jemanden zu heiraten, egal ob Frau oder Mann, vielleicht in 2,3 oder 4 Jahren, aber jetzt irgendwie nicht – ich bin doch erst 17 und du 15“. Jack atmtet auf „ich meine ja auch nicht jetzt, hier und sofort, Schatzi, sondern erst später, oder auch erst in 5-6 Jahren“ und küsst Jimmy auf die Wange. Jimmy dreht sich zu Jack um und flüstert „in 5 oder 6 Jahren ist’s mir auch zu spät, so 3-4 Jahre noch, dann ja“ und küsst ihn wiederum auf den Mund.
Während sich Jimmy und Jack wieder minutenlang küssend in den Armen liegen kommt Mag in den Garten „ich hoffe Ihr vergesst vor lauter Knutscherei nicht die Gäste, die bald eintreffen, die wollen nämlich was trinken und essen“ und strubbelt mir einer Hand durch Jimmy Haare. „Nein, nein, Tante Mag, ich mach mit Jack gleich weiter, also, die Sachen hinstellen“ und grinst Mag dabei an, die grinsend erwidert. Tante Mag, die mittlerweile wieder ohne Stock gehen kann, setzt sich auf eines der weißen Bänke und ruht sich aus – es sind an diesem Sommertag 32° im Schatten.
1 Stunde und 10 Minuten später ist es soweit – die Gäste sind nahezu vollzählig im Garten versammelt und haben all ihre Geschenke auf einen Tisch neben dem Traubogen gestellt. Der Traubogen selbst besteht links und recht aus weißen und samtgrauen Schleifen, umgarnt mit hellgrünen und hellblauen Bändern. Die drei Stufen, die zum Stehplatz des Priesters führen sind mit weinrotem Stoffe überzogen und auf jeder Seite des Bogens hängt ein goldener Käfig mit je 2 weißen Tauben. Ganz oben als Spitze auf dem Bogen stehen aus Metallguss Chantal & Thomas.
Die Gäste werden von Mag, Jack, Jimmy und Dina bewirtschaftet, während Helen Chantal zum Traubogen führen wird. Thomas wird vom Nachbarn, einem langjährigen und guten Freund der Familie, zum Bogen geführt. Der Priester Baumgarden trifft ein und begrüßt Thomas „einen wunderschönen Guten Tag Mr. Starr, es ist mir eine Ehre Sie heute verheiraten zu dürfen“ Thomas gibt ihm die Hand und verneigt sich respektvoll „ich habe zu danken, Priester Baumgarden, ich heiße Sie herzlich willkommen“. Die Gäste unterhalten sich aufgeheitert
„….ach, Hallo Jenny….“, „…Mr. Bouvier, haben Sie meine Nachricht….“, „….oh ja, das ist wirklich köstlich und….“, „….Pete, was hast Du wieder….“
während die Kinder der Gäste rumalbern
„…guck mal, ich bin schon soooo viel alt….“, „….wie heißt Deine Mama?.....“, „…..ich gehe noch in den Kindergarten….“, „….wenn ich mal groß bin, will ich auch verheiratet werden….“.
Der Priester begrüßt Helen überherzlich, erinnert sie dann zwar mit einer Aussage an Steven, tröstet sie dann aber auf äußert warmherzige Weise und bringt Helen damit zum Lächeln.
20 Minuten später sitzen alle Gäste auf ihren Plätzen, während Thomas und der Nachbar bereits seitlich am Traubogen stehen. Priester Baumgarden steht unter dem Torbogen mit seinem Buch. Helen steht mit Chantal etwas abseits, damit Thomas nichts von Chantal sieht. Die Hochzeitsmelodie ertönt, Jack und Jimmy gehen nebeneinander mit einem Korb in der Hand und werden Rosenblätter vor sich hin. 2 Meter hinter ihnen folgen nun Helen und Chantal. Chantal hat keiner Kopfschmuck, dafür aber ein bezauberndes Kleid mit Minischleppe. Ihre Haare hat sie zur glänzenden Dauerwelle frisiert. Thomas kann Chantal zum ersten Mal erblicken und findet sie wie einen Engel auf Erden. Beide strahlen sich gegenseitig an, bis sie von Helen bis zum Torbogen geführt wurde und Thomas von seinem Trauzeuge ebenfalls. Beide stehen nun nebeneinander und der Priester fängt mit der Zeremonie an, bei der Thomas darum gebeten hat, seinen zweiten Vornamen, Steven, nicht mitzuerwähnen.
Nach einer Weile des Lesens aus seinem Buch stellt er die Frage an Chantal:
Chantal antwortet mit überstrahltem Gesicht
Thomas fasst Chantal’s Hand
Ich stelle fest, beide habt Ihr mit „Ja“ geantwortet und Euch somit in den heiligen Bund der Ehe begeben. Kraft meines mir verliehenen Amtes seid Ihr nun Mann und Frau – Chantal Alexandre und Thomas Bounique-Starr, Ihr dürft Euch jetzt küssen.
Beide kommen sich langsam näher und Thomas spricht leise „ich liebe Dich!“ und küsst Chantal innig. Die Gäste stehen auf und applaudieren, als auch Jimmy und Jack ihre Hände voneinander lösen, um aufstehen zu können – saßen sie während der Zeremonie Hand in Hand. Nachdem sie sich geküsst haben sehen sie nach oben und gucken den weißen Tauben nach, welche aus ihren Käfigen befreit wurden. Thomas und Chantal gehen durch den Hochzeitsspallier der Gäste, welche Reis werfen und Helen macht Fotos von beiden. Sie gehen direkt auf Mag zu, die am Ende des Spallier steht „meinen herzlichen Glückwunsch, ich wünsche Euch beiden Gottes Segen und ewiges Glück“ umarmt sie Chantal „vielen, vielen Dank, Mag, vielen Dank“ und dann Thomas „ich danke Dir, Mag, vielen Dank“. Helen bittet beide, sich nebeneinander hinzustellen, damit sie ein Foto schießen kann, wo nur sie drauf sind. Sie drückt ab und guckt auf das Vorschaudisplay – sie strahlen über beide Ohren und sehen wahnsinnig gut aus. Nie hätte sich Helen träumen lassen, ihren Bruder jemals verheiratet zu wissen.
Im Laufe der Stunden entwickelt sich die Feier zur Hochzeitsparty, bei der die noch vorhandenen Gäste im Garten zur Musik tanzen. Wie aus dem Nichts und zur Überraschung aller, vor allem zur Überraschung Helens, kommt Brad auf sie zu. Er ist extra aus Afrika angereist. Helen wird von hinten angetippt und sie dreht sich nichtsahnend um „oh mein Gott“ sind ihre kurzen, knappen, beinahe weinerlichen Worte, als sich beide fest und lange umarmen - sie hat ihn zuletzt vor 8 Monaten gesehen. Er hat sich optisch verändert, ist mittlerweile ein junger, gestandener Mann geworden. Leichte Bartstoppeln zieren sein Kinn und vom jungen Brad der letzten Jahre zeugen maximal nur noch die Augen. Selbst seine sonst meist strubbeligen Haare sind zur Kurzhaarfrisur verwandelt worden. Beide gehen an einen Ort, wo sie ungestört sein können, um zu reden. Viel Zeit ist vergangen und viel ist passiert, allem voran der Tod von Steven. „….Du hast Dich also entschieden…“ fragt Helen, die nicht glauben kann, was Brad ihr soeben offenbart hat. „Ja, aber glaube mir, ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht“ stellt Brad sein Glas Sekt auf den Tisch und fährt fort „was, Mum, was hält mich hier noch? Ich bin jetzt 20 und will mein eigenes Leben leben – Dad ist über ein halbes Jahr tot und wie ich vorhin durch Zufall hören konnte, bist Du ja mittlerweile fast froh darüber, nur weil Du irgendwelche Kreditabrech….“ aber er wird von seiner Mutter knallhart abgewürgt und angeschrieen „HÖR AUF! Du weißt ja gar nicht, was ich in den letzten Monaten alles durchmachen musste – ja, sicher, es ist immer leicht mal eben vorbeizukommen und zu sagen ‚achja, ich ziehe zu meiner Frau nach Afrika, denn hier sind ja eh alle tot‘“. Brad springt von seinem Stuhl auf und zeigt wütend auf Helen „jetzt wirst Du unfair. Ich habe Dir geschrieben, warum ich in Afrika und somit ohne Euch heiraten musste bzw geheiratet habe, lass Deine Wut an jemanden anderes aus“ setzt sich langsam wieder hin und zündet sich, zur weiteren Überraschung Helen’s, eine Zigarette an.
Tante Mag, Jimmy und Jack bekommen den Krach mit, schalten sich aber nicht ein. „Irgendwann musste es so kommen“ flüstert Mag vor sich hin und geht mit Jimmy und Jack wieder zu den Anderen in den Garten.
„…ich bin weißgott nicht froh darüber, dass Euer Dad tot ist, dass habe nie gesagt – und selbst wenn, Du hast ja scheinbar nie im Zorn Dinge gesagt, die Du nicht so meintest, oh nein, mein Sohn ist ja perfekt…“ knallt Helen den Stuhl, der vor ihr steht, mit dem Fuß zur Seite „ja, ok, dann geh doch…geh nach Afrika zu Deiner Frau, die ich noch nicht mal kenne…“ flucht sie vor sich hin und guckt dabei auf ein großes Bild an der Wand, bis sie sich umdreht und mit beiden Händen am Tisch abstützt, an dem Brad sitzt „was ist bloß aus Dir geworden, Brad, hier sitzt nicht der Sohn, den ich erzogen habe, schon gar nicht der, der ohne seine Familie irgendwo in der Wüste heiratet“. Sie dreht sich wieder um und stellt sich ans Fenster, als Brad antwortet „Du glaubst doch nicht allenernstes, dass ich immer noch so wie vor Jahren brav bei jedem bisschen Anfrage und mein Leben nach Dir richte, nur damit ich…“ wieder unterbricht Helen und diesmal wutentbrannt „ES GEHT NICHT DANACH, WAS ICH WILL“ schlägt sie mit der Faust auf den Tisch, verschränkt kurz die Arme, geht in seine Richtung, stapft neben ihm auf und ab und guckt immer wieder bei ihrer Antwort zu ihm „in den ganzen letzten Monaten hast Du Dich kaum gemeldet, nicht mal ein Anruf in der Woche, oder wenigstens in 2 Wochen, nix – weißt Du eigentlich, wie man sich in solchen Zeiten als Mutter vorkommt? Ja, schön, Du schreibst mal eben einen Brief, kurz nach Steven‘s Tod – ich hätte von Dir wirklich mehr Feingefühl mir gegenüber erwartet, Brad“.
„Dass hättest Du vielleicht von Dad erwarten sollen, das Feingefühl, aber scheinbar machte es Dir die letzten 2 Jahre über nie was aus, dass er jedesmal bei irgendwelchen Anwaltstagungen plötzlich länger bleiben musste, weil ihm angeblich was dazwischen kam" Helen hält sich wieder die Ohren zu „Hör auf, hör auf, hör auf!“ aber Brad zischt ungeachtet dessen weiter "..... und jedesmal, wenn Du ihn gefragt hast nach warum und wieso, und er es nicht erklären konnte, weil es angeblich so streng geheim war, von den Kreditkartenabrechnungen ganz zu schweigen“ versucht er Helen wachzurütteln, aber sie will davon nichts wissen. Sie nimmt die Hände wieder runter und flüstert mit tiefer, aber bestimmender Stimme „Du kannst dass doch gar nicht beurteilen, was damals war, Du warst doch noch viel zu jung, um zu…..“ als sie von Brad mit schallendem Lachen abgewürgt wird „Du solltest Dich echt mal reden hören, Mum – jedesmal ist es das Gleiche – wenn Du irgendwas nicht wahrhaben willst, waren oder sind wir zu jung gewesen - ich glaub’s ja nicht mehr.“ Helen antwortet daraufhin kurz und knapp „langsam glaube ich selbst, dass es besser ist, dass Du nach Afrika zu Deiner Frau gehst oder ziehst“. Brad, der den letzten Schluck Sekt schlürft, erwidert zustimmend "das glaube ich allerdings auch" zieht nochmal an der Zigarette und drückt sie anschließend im Aschenbecher aus.












Backy ....lebst du noch , oder schreibst du schon ? 
und dann mit Schwung weiter machen
